Schicksale

Schicksale

Bitte füllt diese Seite und helft damit anderen Hinterbliebenen mit Ihrem Schicksal fertig zu werden. Zu sehen, was anderen passiert ist und wie ähnlich viele der Fälle sind, hilft mit der eigenen Geschichte umzugehen - zumindest geht es mir so.

 

Ich werde Eure Geschichte auf Wunsch komplett anonym online stellen.

Einfach per Email oder per Facebook an mich schicken. Vielen Dank.

 

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Please help to fill this page with your story. If others have the possibility to read about your story, they will experience sort of help in dealing with their own story. I will publish it, if wished, complete anomymous. Just sent it to me via Eamil or via Facebook. Thanks a lot.

 

E-Mail an info@footpath-of-life.com

 

 

 

29.12.2016 - Annikas Geschichte

 

Seit dem 05. August dieses Jahres hat sich mein Leben auf den Kopf gestellt; mein Freund, mit dem ich erst kurze Zeit zusammen war, hat sich an dem Tag dazu entschlossen sich das Leben zu nehmen. Auch wenn ich vorher schon langjährige Beziehung geführt habe, war ich in 27 Jahren nie so verliebt, wie in diesen Mann. Er hat mich vom ersten Tag an fasziniert und mit ihm fühlte sich einfach alles so richtig an. Zwei Tage vor seinem Entschluss waren wir noch zu Besuch bei seiner Familie in Italien. Es hätte alles so perfekt sein können, zu diesem Zeitpunkt war es das zumindest noch.

 

Ich hatte eine böse Ahnung

Als unser Flugzeug zur Landung auf dem Bremer Flughafen ansetzte schlug seine Stimmung schlagartig um; von einem gegenseitigen necken und lachen zu einer tiefen Traurigkeit. Ich bin davon ausgegangen, dass ihn Heimweh überkam, doch auch während der nächsten Stunden änderte sich nichts an seiner Stimmung. Nachdem ich einige Male nachgefragt hatte, was denn los sei, habe ich es aufgegeben und tolerierte sein Schweigen. Am Abend hielt ich diese unbekannte, erdrückende Stille in seiner Gegenwart aber nicht mehr länger aus und forderte ihn auf mir endlich zu sagen was ihn bedrückt. Nach weiteren, gefühlt endlosen, Sekunden des Schweigens, lief ihm eine Träne über das Gesicht und er sagte, dass er manchmal nicht glücklich mit sich ist. Sofort hatte ich eine böse Ahnung und fragt ihn wie weit dieses Gefühl bei ihm geht. Nachdem ich meine Frage deutlicher gestellt hatte, nämlich ob er manchmal nicht mehr leben möchte, bekam ich auch eine klare Antwort: Ja. Das war der Punkt, an dem ich innerlich zusammenbrach und mir war es unmöglich mit dem weinen aufzuhören. In den letzten zwei Jahren haben sich bereits ein Freund und ein guter Bekannter das Leben genommen. Ich wusste einfach nicht wie ich das ein weiteres Mal hätte aushalten können und erst recht nicht bei ihm. Irgendwann saßen wir uns weinend auf dem Boden gegenüber. Ich sah diesen unfassbaren Schmerz in seinem Gesicht und mein Gefühl der Machtlosigkeit wurde immer größer. Wenn er es schaffte seine Stimme zu bändigen, erzählte er mit von vorherigen Gedanken sich das Leben zu nehmen Diese Szenerie zog sich, mit wenigen Wortwechseln, bis in den nächsten Morgen hinein. Seine letzten Worte, bevor er zur Arbeit fuhr, waren: „du musst mir eins versprechen: rede mit niemandem darüber!“ und ich nickte nur.

 

Telefonseelsorge ermahnte mich, mich selbst zu schützen

Kurze Zeit nachdem sich die Tür hinter ihm schloss, griff ich zum Telefon und versuchte im Internet eine Notfall-Telefonnummer herauszufinden. Mein einziger Gedanke war, dass ich Hilfe brauche, Hilfe um ihn von dieser schrecklichen Tat abzuhalten. Wie sollte ich mich bloß verhalten? Die Suche war wenig erfolgreich. Ich telefonierte lange mit einer älteren Dame am anderen Ende der Seelsorge-Hotline, die mich immer wieder dazu ermahnte mich selber zu schützen und mich aus dieser Situation zu befreien. Danach rief ich in der städtischen Psychiatrie an. Der Arzt, mit dem ich telefonierte, war sehr einfühlsam, erklärte mir aber auch dass ich nichts weiter machen könne als beruhigend auf ihn einzureden und ihn davon zu überzeugen sich selber Hilfe zu holen, denn eine Zwangseinweisung wäre nur dann möglich, wenn er einen Suizid akut androht. Ich fühlte mich in diesem Moment so alleine und hilflos, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Als er von der Arbeit heim kam, gingen die Gespräche weiter und wir redeten über Dinge die ihn in seinem Leben bedrücken oder schwer gezeichnet haben. Dazwischen gab es Phasen, in denen ich ihn ewig nur im Arm hielt und keiner von uns reden konnte. Am späten Abend entspannte sich die Situation dann ein wenig und er meinte, wie gut es tat über all das zu reden. Wir wohnten nicht in der selben Stadt und so brachte er mich am nächsten Morgen zum Bahnhof, damit ich nach Hause fahren konnte. Ich wäre nie gefahren, wenn ich gewusst hätte, wie akut seine Gedanken noch waren.

 

20 Minuten Ewigkeit

Am Nachmittag schrieb ich ihm eine Nachricht über whats app, die nie auf seinem Handy ankam. Ich habe gehofft, dass es daran liegt, dass er wie so oft sein Handy nicht aufgeladen hat. Am nächsten Tag versuchte ich ihn dann anzurufen: Beide Handys waren ausgeschaltet. Als ich ihn auch am Abend immer noch nicht erreichen konnte, fing ich an mir ernsthaft Sorgen zu machen. Am nächsten Morgen rief ich auf der Polizeiwache in seiner Stadt an und erkundigte mich, was es für Möglichkeiten gibt, um herauszufinden ob es ihm gut geht, ohne zu auffällig zu agieren, denn ich hatte ihm nun mal verspochen, mit niemandem darüber zu reden. Dieses Versprechen hatte ich zwar schon gebrochen aber ich wollte nicht, dass er davon erfuhr und dieses Wissen ihn noch mehr bedrückt. Der Polizist machte mir keine Hoffnung und riet mir dazu, sofern ich die Möglichkeit dazu habe, selber hinzufahren und nach ihm zu schauen. Glücklicherweise bestand meine beste Freundin darauf mitzukommen, wobei zu diesem Zeitpunkt keiner von uns beiden vom Schlimmsten ausging. Nach zwei Stunden Fahrt kamen wir in seiner Stadt. Der erste Weg führte zu seiner neuen Wohnung. Es machte niemand auf, obwohl das Auto vor der Tür und das Fahrrad im Keller stand. Ich wurde von Minute zu Minute unruhiger, lief gemeinsam mit meiner Freundin um das Haus herum und wir versuchten durch die Fenster etwas zu erkennen. Drei weitere Stunden vergingen, in denen wir durch die Stadt liefen, zu seiner alten WG und zu von ihm häufig aufgesuchte Bars und Cafés. Auch gab ich die Hoffnung nicht auf, dass er vielleicht doch noch die Tür aufmachen könnte. Am Abend wusste ich nicht mehr weiter und wir beschlossen noch einmal zur Polizeiwache zu fahren, um uns zu erkundigen, wie ich weiter verfahren soll. Nachdem meine Daten aufgenommen wurden und ich meine Situation geschildert habe, wurden wir gebeten in einem separaten Raum Platz zu nehmen. Selbst in diesem Augenblick habe ich nicht an das Schlimmste gedacht. Die Wartezeit in diesem Raum hat sich wie eine Ewigkeit angefühlt, dabei waren es „nur“ 20 Minuten. Der Polizist kam wieder in den Raum herein, mit den Worten:“ Tut mir leid Frau R., leider muss ich ihnen mitteilen, dass ihr Freund sich schon vor zwei Tagen das Leben genommen hat“. Was ich in diesem Moment empfunden habe, kann ich einfach nicht in Worte fassen, wobei anfänglich viel Ungläubigkeit dabei war. Ich erfuhr ohne eine Nachfrage noch wie es geschehen ist; Er hat sich an seinem Arbeitsplatz erhängt und wurde erst am nächsten Morgen von seinen Kollegen gefunden.

 

„Ich wünsche dir die gleichen Probleme, die ich habe"

Einige Tage später erhielt ich von der Polizei einen, wie der Polizist es nannte, „Abschiedsbrief“ von meinem Freund. Als ich ihn las, zerbrach ich ein weiteres mal. Es war ein Kalenderblatt auf das er anscheinend kurz vor seinem Tod einige Sätze an mich richtete. Der letzte Satz lautete: „Ich wünsche dir die gleichen Probleme, die ich habe. Vielleicht kannst du dann eines Tages verstehen, wie es sich anfühlt sich jeden Tag in seinem Leben falsch zu fühlen“.

Man spielt jede gemeinsame Situation im Kopf durch. Wieder und wieder. Man fragt sich, ob man falsch reagiert hat, etwas falsches gesagt oder nicht gesagt hat und bekommt trotzdem niemals eine Antwort. Heute weiß ich, dass diese Aussage nichts mit der Realität zu tun hat, nichts mit der Zeit die wir miteinander verbracht haben oder die Gespräche die wir geführt haben. Es war die Depression, die aus ihm gesprochen hat und vor allem war sie es, die ihn zu dieser schrecklichen Tat verleitet hat.

 

 

 

 

Anonym 6.4.2017

 

Wozu reden? Weil mich Schweigen wahnsinnig macht…

 

Seit dem Suizid meiner Schwester ist in meinem Leben nichts mehr, wie es einmal war. ICH bin nicht mehr die, die ich einmal war. Und woher soll ich wissen, wer ich jetzt bin oder in Zukunft sein will, wenn ein großer Teil dessen, was ich glaubte zu sein, eine so furchtbare Täuschung war?!

 

Mein altes Selbstbild ist ein Scherbenhaufen – wenn ich mein neues Ich finden will, muss ich dafür das Tabu rund um den Suizid zu brechen und mit den Menschen darüber sprechen: über den Schock und die Ohnmacht die diese Form des Todes auslöst; über die Schuldgefühle und Zweifel, ob und wenn ja wie man es nicht doch hätte verhindern, ihr hätte helfen können; wie man Anderen, die ähnliche Gedanken mit sich herum tragen, helfen kann und wieviel Machtlosigkeit man wohl ein Leben lang wird aushalten müssen; und wie man das schafft; über das Zweifeln an den Erinnerungen und über das Leben „danach“, über die Suche nach einem neuen Selbstverständnis.

 

Es war ihr letzter Wunsch, ihren Suizid nicht öffentlich zu machen. Aus Liebe zu meiner Familie, deren Angst vor diesem Tabubruch und seinen möglichen Folgen, habe ich mich entschieden, anonym zu bleiben. Aber ich spüre, wie mich das Schweigen von mir selbst, und von meinen Vertrauten entfremdet, wenn ich diesen Teil meiner selbst zu verstecken versuche. Und ich bin davon überzeugt, dass Schweigen zu Isolation führt, zur Einsamkeit mit den eigenen dunklen Gedanken. Ich habe selbst depressive Zeiten erlebt, in denen ich glaubte, nichts und niemand auf der Welt könne mich von dieser Dunkelheit befreien. Ich spüre, dass das Schweigen dem Trauerprozess meiner Familie im Weg steht und es schmerzt mich, zu sehen, dass ihre Angst vor der Offenheit so übermächtig zu sein scheint. Und, bei all den Unsicherheiten was die Ursachen und den Verlauf der Depressionen meiner Schwester betrifft, bin ich davon überzeugt, dass sie sich mit ihrem Schweigen ihrer vielleicht einzigen Chance auf (Über-)leben beraubt hat…

 

Ich wünsche mir, dass Menschen einander ein kleines bisschen besser verstehen: Depressive, Suizidgefährdete, Angehörige und Menschen in deren Umfeld, die mit diesem Schicksal glücklicher Weise noch nicht haben umgehen müssen. Also (fast) alle Menschen dieser Welt. Dazu kann ich nur mit meiner persönlichen Erfahrung beitragen, wohl wissend, dass ein so komplexes Thema von Jedem anders erlebt wird. Es ist ein angstbehaftetes Thema, auf allen Seiten, geschürt von Unwissenheit und Unverständnis. Aber wenn ich in meinem Leben eines gelernt habe, dann, dass ich mein Leben nicht von der Angst bestimmen lassen darf und dass der einzige Weg sie zu bezwingen darin besteht, sich ihr auszusetzen und sie auszuhalten, bis sie kleiner und weniger bedeutend wird. Und wenn ich das kann, schafft es Jeder, der das will….

 

Mit dem Autoren kann man über https://sisoctopus.wordpress.com/ in Kontakt treten.